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Mobile Payment Markt: Interview mit André M. Bajorat

Heute darf ich den Mobile Payment Experten André M. Bajorat bei uns begrüßen, der uns einen Einblick in den deutschen Mobile Payment Markt gibt. André ist Mitbegründer des Mobile-Banking-Startups figo, er berät Unternehmen mit seiner Beratung amb consult und schreibt auch selbst auf paymentandbanking.com

Herzlich willkommen André und vielen Dank, dass Du heute bei uns bist. 

André, wer sind eigentlich die relevanten Player auf dem deutschen Mobile Payment Markt?

Im ersten Schritt müssen wir den Begriff Mobile Payment erst einmal definieren, da es ein unterschiedliches Verständnis des Begriffs gibt. Eine sinnvolle Definition von Mobile Payment ist, ein Bezahlvorgang der im realen Leben (Offline POS) stattfindet und bei der entweder der Händler oder der Käufer ein Smartphone/Tablet, möglicher Weise auch unter zu Hilfenahme eines erweiterten Hardware-Devices, einsetzt. Kaufprozesse in Onlineshops fallen nach dieser Definition nicht darunter.

Richtige Marktführer gibt es zur Zeit nicht. Auf Händlerseite gibt es die drei Leuchtürme Payleven, Sumup und iZettle. Am Anfang gab es noch Streetpay, die jedoch kaum noch wahrgenommen werden. Alle drei haben sehr ähnliche Strategien, unterscheiden sich jedoch in einigen Details. Payleven setzen schon sehr früh auf die sichere Variante mit Chip und Pin, dem von der Deutschen Kreditwirtschaft empfohlenen Standard. Das ist übrigens auch der Unterschied zu dem Payment-Markt in den USA, wo noch immer sehr stark auf die Magnetstreifen-Variante gesetzt wird. Das macht das Lesegerät deutlich billiger, was dem Vorzeigebeispiel Square auch so günstige Preise ermöglicht. Die Lesegeräte, die hierzulande Verwendung finden,  kosten hoch zweistellig, wenn nicht sogar dreistellig. In Deutschland verschwinden die Magnetstreifen immer mehr von den Karten. Das sind auch Dinge, die das Klonen von Geschäftsmodellen heutzutage schwierig macht. Es müssen nämlich die jeweiligen Gegebenheiten des Zielmarktes beachtet werden.

Dann gibt es noch so schöne Beispiele wie myTaxi, wo funktionierende Silos entstehen, die von Kunden und von Händlern sehr häufig genutzt werden. Bei myTaxi sind es mittlerweile rund ein Drittel aller Fahrten, die mit myTaxi Payment bezahlt werden. Dies ist eine sehr gute Quote. International gibt es weitere Beispiele, bei denen Mobile Payment auch von Kunden gut angenommen wird. Eines davon ist sicherlich Starbucks.

In den letzten Wochen und Monaten sind auch Netto und Edeka dazugekommen, die beide eine App in der Zusammenarbeit mit Valuephone und der Deutschen Post Zahlungssysteme entwickelt haben. Die App bildet auch das ab, was sich die Kunden lautstark gewünscht haben. Es geht nicht darum, Payment neu zu erfinden, sondern darum, Mehrwerte mit Payment zu verbinden, wenn man die Kunden wirklich zum wechseln anregen will. Der Kunde registriert sich und gibt seine Girokonto-Daten an. Beim Zahlen wird dann im Hintergrund das Lastschriftverfahren angewendet, was den Kunden aber nicht interessieren sollte, solange es funktioniert. An der Kasse gibt er einfach einen 4-stelligen Code ein und bezahlt die Ware. Man kann bei diesen Apps noch nicht von Erfolg oder Misserfolg sprechen, da noch keine Zahlen veröffentlicht wurden.

Aktuell hat auch die Deutsche Post selber den Start einer Lösung auf Basis der Technik von Valuephone angekündigt. Ansonsten gibt es noch Yapital von Otto, eine vielversprechende Lösung, die nicht nur auf Mobile Payment, sondern auf Omni-Channel-Payment ausgelegt ist. Das “mobile” fungiert hier nur als eine Art Brücke zwischen den “Channels”, also dem typischen POS, das auch unterstützt werden soll, und zwischen E-Commerce. Quasi die Verlängerung des E-Commerce in die reale Welt.

Die Lösung wurde unter Berücksichtigung der Payment Erfahrungen der letzten Jahre aufgebaut, was vielversprechend klingt. Ob sie erfolgreich sein wird, steht in den Sternen, sie dürfte aber sehr gute Erfolgsaussichten haben, da sie von Anfang an mit vielen Merchants aufwarten kann und keine Henne-Ei-Probleme wie beispielsweise ein Startup haben dürfte, da ja Otto mit der entsprechenden Reichweite dahinter steht. Trotzdem muss die Lösung natürlich noch den Endkunden überzeugen, was mit dem aktuellen Fokus, der sich mehr auf die Veränderung des Bezahlverhaltens und nicht auf die Mehrwerte richtet, schwierig werden könnte. Ein Mehrwert, den Yapital besitzt, ist Peer-to-Peer (P2P)-Bezahlen, wodurch Menschen sich zwischen ihren Yapital-Accounts Geld hin-und herschicken können. Das ist zwar ein netter Mehrwert, der jedoch nichts mit dem eigentlichen Kaufprozess zu tun hat.

Den Führenden im E-Commerce muss man natürlich auch noch betrachten, das ist PayPal. Dort gibt es momentan auch spannende Aktivitäten, die vorangetrieben werden, unter anderem ein Pilot-Projekt in Oldenburg, mit dem die Ladenöffnungszeiten verlängert werden sollen, indem nach Ladenschluss im Schaufenster ein Monitor aufgehängt wird, auf dem die Produkte mit QR-Code angezeigt werden und der Interessent sie direkt bestellen kann. Sie arbeiten also an einer “ver-e-Commerce-ung” der Einkaufszone.

Der wichtigste Grund, aus dem noch keiner den Durchbruch geschafft hat, ist das Henne-Ei-Problem. Es gibt noch einige weitere Anbieter, die das Potenzial haben, etwas im Mobile Payment zu verändern. Zum einen wären das die Banken, weil sie die Bezahlkarten schon haben, sie weigern sich aber momentan noch, diese Bezahlkarten zu virtualisieren. Das wäre wohl der leichteste Weg. Zum anderen gibt es noch die Telko´s, die sich jedoch nur einbilden, diese Macht zu besitzen, weil die SIM-Karte schwerlich das wesentliche Element des Mobile Payment sein wird. NFC ist mehr eine Technik als eine Lösung.

Um einen Durchbruch zu schaffen, braucht es jemanden, der eine große Masse an Menschen hinter sich hat und so genügend Relevanz aufbauen kann. Ein kleines Startup wird es dabei schwer haben. Neben Deutschlandcard ist das in Deutschland wahrscheinlich Payback, das von American Express gekauft wurde, was bestimmt nicht ohne Hintergedanken geschehen ist. Payback ist zwar im Moment noch nicht sichtbar, besitzt aber eine genügend große Relevanz. Der Durchbruch wurde noch nicht geschafft, da noch kein großer Anbieter wirklich einen Versuch unternommen hat, und wenn jemand es versucht hat, dann kann er heute noch keine komplette User-Story erzählen.

mPass zum Beispiel ist keine gute Zahlungsmöglichkeit, da der Kunde sich zuerst eine Prepaid-Karte bestellen muss, die er auf sein Smartphone klebt,von der er nicht weiß, was für eine Funktion sie hat, um dann im Laden  eigentlich das gleiche zu machen wie bisher. Da braucht man sich nicht zu fragen, warum mPass noch nicht von Erfolg gekrönt ist.

Was müsste mPass denn anders machen, um Akzeptanz beim Verbraucher und bei den Händlern zu finden?

Die Frage ist zuerst einmal, ob mPass überhaupt nützlich sein kann. Warum sollte man überhaupt einen mPass-Account erstellen? Der Kunde will einen zentralen Account, auf dem sich alle seine Bezahlkarten und Loyalty-Karten befinden, mit dem er dann bezahlen kann. Das muss der Anbieter schaffen, der erfolgreich sein will.

PayPal zum Beispiel drückt seinem Kunden nicht irgend etwas auf, sondern aggregiert einfach alle Bezahlvarianten, die der Kunde benutzt und lässt ihm beim Bezahlen die Wahl, welche Zahlungsmethode er verwenden möchte, wie auch der US-amerikanische Anbieter Wallaby, der zusätzlich noch über eine Funktion verfügt, die die günstigste Zahlungsmethode automatisch auswählt. Auch Yapital macht das schon ganz gut.

Welche Bemühungen sieht man denn bei den gerade genannten Playern überhaupt, sich nochmal anzupassen und so die kritische Masse zu erreichen?

Die Player führen Häuserkämpfe und versuchen, möglichst viele Merchants für sich zu gewinnen. Wenn man von Relevanz redet, kann es wohl nur jemand schaffen, der heute schon entweder ausreichend Merchants oder Consumer auf seiner Seite hat, denn beide neu zu gewinnen und dann noch vom Mobile Payment zu überzeugen ist eine große Herausforderung. Es wird wohl ein großer schon bestehender Player sein, dem das gelingt.

Wie lange wird es noch dauern, bis Kunden im Supermarkt ihres Vertrauens mit ihrem Handy bezahlen können?

In absehbarer Zeit wird es keine einheitliche App zum bezahlen in allen Supermärkten geben, sondern Einzellösungen von den verschiedenen Anbietern, wie Edeka, Netto, Rewe oder Aldi.  Irgendwann wird dann jemand kommen der eine Einheitslösung für alle Märkte anbietet und Marktführer wird. Bei Netto und Edeka kann man ja schon mobil bezahlen, Rewe ist mit Yapital auch dazugestoßen und nach und nach wird das Mobile-Payment in den nächsten zwei Jahren Standard werden.

Gibt es schon Anbieter von P2P-Transaktionen in Deutschland und, wenn ja, welche?

In Deutschland gibt es zum Beispiel Cringle, Paymy, Paymey, Lendstar und Paypal. Wenn man P2P als Startup-Unternehmen anbieten will, ist die Schwierigkeit, dass man sozusagen in ein Zahlungsverkehrskonstrukt eingreifen will und schnell von der Bafin beobachtet wird, da das Zahlungsdiensteaufsichtsgesetz gilt. An dieser Stelle sind eine Menge Regularien zu beachten, was ein Startup anfangs sehr behindern kann. Das ist ein für Banken typisches Thema. In Großbrittanien hat zum Beispiel die Barclay´s Bank vor rund 2 Jahren PingIt gelauncht, eine sehr erfolgreiche kostenlose  P2P-Methode.

In Dänemark kann jeder Bürger ab 15 Jahren in seiner Bank im Online-Banking-Bereich seine Handynummer hinterlegen und dann jedem anderen Bürger, der sein Smartphone dort auch registriert hat, pro Tag bis zu ca. 200 Kronen transferieren. In einigen anderen Ländern ist P2P also schon Gang und Gäbe.

Die Banken sind dadurch, dass sie die nötige Infrastruktur bereitstellen, die perfekten Partner für solche Projekte. Wenn sie es nicht schaffen, die Projekte gut genug durchzuführen, bleibt natürlich Platz für Startups, die die Mühe nicht scheuen, sich den Weg dahin über eine ZAG-Lizenz von der Bafin zu ebnen.

Dwolla aus den USA macht eigentlich nichts anderes, als eine klassische Überweisung, die mobile-tauglich ist, da sie nicht die Sicherungsverfahren beinhaltet, die man hierzulande von den Banken bei einer Überweisung kennt und die bei P2P-Payment über Kleinstbeträge geradezu abstrus erscheinen. Die machen zwar Sinn bei einer Überweisung von 5000 Euro, aber nicht bei beispielsweise einem gemeinsamen Mittagessen über 30 Euro.

International gibt es zur Zeit Square Cash und das sagenumwobene Startup Clinkle als P2P-Modelle. Diese Modelle  leben jedoch davon, dass beide User Teil des Netzwerks sind. Über diese Infrastruktur und somit auch das Potenzial für P2P-Modelle verfügen heute schon die Banken, die diese jedoch noch nicht für solche Zwecke nutzen.

Ok, ich denke, dass wir jetzt einen Eindruck davon bekommen haben, wohin sich der Mobile Payment Markt in Deutschland entwickelt und was wir zu erwarten haben.

Ich danke Dir ganz herzlich für das Gespräch und wünsche Dir viel Erfolg bei Deinen Projekten!

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  1. Hendrik Antworten
    Hallo Laurenz, danke für Deinen Kommentar und die weiterführende Literatur zum Thema. Besonders der Beitrag von Maike Strudthoff fasst es sehr gut zusammen. Grüße, Hendrik
  2. Laurenz Antworten
    Warum in 2 Jahren leider keine Mobile Payment Standardlösung vorhanden sein wird: Mobile Payment löst keine echten Probleme des Nutzers: http://etailment.de/thema/mobil/Mobile-Payment-Spaß-2280 und es gibt ein heilloses Durcheinander an Methoden und Produkten; http://mobilbranche.de/2014/03/interview-maike-strudthoff/42704 Ich nehme übrigens auch Wetten an :-) LL 17.03.2014

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